Das Planetenschloss 17
Die Strahlen verschwanden. Eine Sekunde lang herrschte Stille. Herr Terramar wälzte sich stöhnend am Boden, Seondeok richtete sich zaghaft auf. Der Geruch von heißem Metall hing in der Luft.
Dann flog die Tür auf. Grüne Tentakel platzten aus der Öffnung und packten Ritter und Mecha. Herr Terramar war sofort verschwunden. Als zuckende Wölbung rutschte er durch die einander umschlingenden Gliedmaßen und verschwand im Inneren des Raumes. Seondeok wehrte sich länger. Mit Lori im Arm versuchte sie, den Flur hinabzulaufen, doch die Tentakel klebten an Kopf, Schultern, Rücken und Beinen wie Kaugummifäden. Die Mecha rannte wie in Zeitlupe. Ihre Motoren heulten auf. Noch in der Bewegung schoben sich weitere Tentakel auf die Vorderseite ihres Körper, umschlangen Arme und Hüften, krochen in Dataports, Versorgungsbuchsen und Waffenmüńdungen. Auch Loris regloser Körper wurde betastet und umschlungen. Als Mecha und Kind vollständig im Gewirr der Tastarme verschwunden waren, sah es für einige Augenblicke noch so aus, als versuche ein Fleischklops aus einer gewaltigen Portion Spaghetti mit Spinatsoße zu entkommen, bevor das unförmige, sich wehrende Ding in den Raum hinter der beigefarbenen Tür gezerrt wurde. Die Tür schloss sich.
Der Flur lag stumm da, als wäre nie etwas geschehen, beige und fugenlos, von blassen Leitstreifen durchzogen, die wie Butler mit unbewegtem Gesicht ausharrten, für den Fall, dass sie gebraucht würden, auch wenn dieser Fall erst in hundert oder tausend Jahren eintreten mochte.
Eine Leuchtröhre brummte, flackerte, kehrte zum Normalbetrieb zurück.
Die Tür flog aus den Angeln und krachte an die gegenüberliegende Wand. Grüner Schleim explodierte aus der Öffnung und bespritzte Boden, Wände und Decke. In den Pfütze zuckten Tentakelschnipsel. Direkt hinter der Tür, im Inneren des Raumes, lag eine aufgeplatzte Blüte am Boden, die Blätter eingerollt, Stempel und Staubgefäße zerfetzt. Das phallische Rohr in der Mitte sprühte Funken, sank in sich zusammen, schlug noch einmal aus, schraubte sich mit letzter Kraft zu einem grünen Tentakel in die Höhe und fiel dann endgültig in sich zusammen.
Das violette Licht, das summend den Raum erfüllte, ging von Lori aus. Das Kind hing reglos in der Luft, die Augen geschlossen, den Kopf im Nacken, die Gliedmaßen schlaff herunterhängend. Seondeok stand auf, knirschend wie ein überlasteter Zementmischer. Herr Terramar zog sich an einem der Schreibtische hoch, die die Wände des Raumes säumten. Blinde Bildschirme, von Staub bedeckt, Tonbandspulen, Armaturen mit faustgroßen Knöpfen und Transistorreihen hinter Glas, insektenhaft und böse, schimmerten im Licht, das von Lori ausging.
„Lori…“ Der Ritter streckte eine Hand nach dem schwebenden Kind aus und sackte wieder in sich zusammen. Seondeok macht einen Schritt auf sie zu.
Aus dem gezackten Loch im Boden, über dem Lori schwebte, quoll eine Flüssigkeit, die im violetten Licht schwarz wirkte. Sie warf Blasen, die spitzend zerplatzten. Als sie Seondeoks Fuß berührte, stieg Rauch auf. Die Mecha sprang mit hydraulischem Zischen zurück. Herr Terramar rappelte sich auf und krabbelte auf den Schreibtisch, ohne den Blick von der öligen Flüssigkeit abzuwenden. Tropfen, Köpfchen, Rüssel, kippende Säulen schoben sich aus dem Schwarz wie Talgkringel aus einem ausgequetschten Mitesser. Sechs Auswüchse waren es, die Ärmchen und Beinchen bekamen und auf der abgeflachten Oberseite, die ständig wegkippen wollte, runzlige, schwere Gesichter mit geschlitztem Mund und einem Auge ausstülpten. Herr Terramar hob die Hände und beschwor einen weiteren schwachen Luftwirbel. Seondeok hob den Arm und ließ die Mündung des Lasergewehrs rotieren, wobei ein Tentakelfetzen zu Boden klatschte. Doch die sechs schwankenden Gestalten verharrten am Rand der Ölpfützte, mit der sie aus den Tiefen der Pyramide gequollen waren.
Wie auf Kommando öffneten sie die Mundschlitze und stimmten einen vibrierenden Chor an. Herr Terramar presste die Hände an die Ohren. Seondeok brach in die Knie, während alle ihre Lichter blinkten.
„Das Wort, das Wort, das Wort des Lebens ist gekommen. Seht und jauchzet, das Wort des Lebens!“
Die runzligen Ölrüssel reckten Luftwurzeln nach Loris Körper.
Ein neues Geräusch mischte sich in den Chor der sechs Wesen. Stetig anschwellend bis zu dröhnender Lautstärke, erfüllte es den ganzen Raum, als schwebe ein unsichtbarer Helikopter im Raum. Die sechs Wesen duckten sich in ihre Falten und ließen die Gesichter auf die Außenseite ihrer Körper rutschen.
Das Antlitz des Engels GatTinBulKot schwamm in der Decke. Aus blitzenden Augen starrte es auf Lori herab. „Das Wort! Eli, Eli! Tötet es, ihr Wächter von Udun, bevor es erwacht und uns alle tötet. Denn es ist das Wort des Lebens, das die Alten gefangen hielten, und es bedeutet unseren Tod!“
Lori öffnete die Augen und starrte GatTinBulKot an.