Die Geschichten, die wir verdienen. Zu Stranger Things.

Die Geschichten, die wir verdienen. Zu Stranger Things.

Stranger Things gefällt vielen Leuten, mir ja auch, obwohl es objektiv betrachtet eigentlich keine sehr gute Serie ist.

Wenn man so was schreibt, setzt man sich schnell dem Vorwurf der Besserwisserei aus – können Menschen denn nicht einfach etwas gut finden, was heißt denn objektiv etc pp.

Es interessiert mich einfach an mir selbst, warum ich etwas mag, das in einem anderen Teil meines Gehirns ziemlich gnadenlos auf seine Schwächen hin auseinandergenommen wird. Und immerhin ist es die erfolgreichste Netflix-Geschichte bis dato mit einem ziemlichen popkulturellen Echo. Darüber hinaus mögen es vor allem fortschrittliche Leute, und ich glaube, die Serie will auch selber fortschrittlich sein, in einer Zeit von Trump, Hass, Rechter Politik und Krieg nach Außen wie nach Innen. Man darf das ruhig kurz ernstnehmen.

Eine auch recht unpopuläre Meinung ist, dass wir gerade solche fortschrittlichen Erzählungen streng anschauen müssen, strenger als irgendwelchen alltäglichen Mumpf. Hinsichtlich der Inhalte, der Wirkung, aber vor allem auch der Machart. Repräsentation ist recht einfach, schwuler Charakter hier, nicht-verprügelte trans Person da. Aber hält auch die Konstruktion stand, ist es so gemacht, wie es behauptet, dass die Welt gemacht sein soll?

Warum sollen wir uns mit weniger zufrieden geben?

Vermischte Schlechtigkeiten:

Stranger Things spielt in den 80ern, ist aber keine Sekunde eine ernsthafte Darstellung dieser Zeit, sondern ein popkultureller Gemischtwarenladen, der noch dazu schlampig mit dem Ursprungsmaterial umgeht. Ich nenne nur mal D&D als Referenz – in der letzten Folge wird erkennbar Ravenloft gespielt, das hier auf eine idiotische Weise endet, die das Modul kaum hergibt.

Diese Oberflächlichkeit zeigt sich auch in der Figurenführung. Alle Themen der Figuren werden lediglich angespielt, nie ausgeführt. Egal ob Queerness, Coming-Out, Vietnam, kalter Krieg, Konsumkultur, die Kommerzialisierung amerikanischer Innenstädte, Alleinerziehende, das wird kurz genannt, gezeigt, aber es wird nichts damit gemacht, sondern bald wieder fallengelassen, sobald der Affekt der Zuschauenden bedient ist. Eine gigantische Respektlosigkeit und Gefühllosigkeit, umso schlimmer, da sie als Verständnis daherkommt.

Was auch erklärt, worauf diese Serie baut: Kitsch. Sentimentale Überwältigung im Stakkato. Schwer, hier nicht an TikTok und Konsorten zu denken. Länger guckt niemand mehr hin.

Das ist nicht fortschrittlich, das ist methodisch der gleiche fortschrittsfeindliche Unsinn wie überall sonst.

Ist das nicht etwas hart für eine FERNSEHSERIE? Es wurde schon besser, sorgfältiger, hintergründiger gemacht in der Popkultur, im Massenmarkt, ohne die Unterhaltung zu vernachlässigen. Das Totschlagargument ist immer Buffy, aber auch der Goldene Kompass kann einem einfallen, Ronja Räubertochter oder selbst die in Stranger Things durchgewolfte Zeitfalte.

Warum guck ich’s mir dann doch mit warmen Gefühlen an?

Erstens, auch einen kitschigen Nostalgie-Setzkasten muss man mit den richtigen Reizen bedienen. Das kann die Serie.

Zweitens, auch aufs schnelle Gefühl zielende Erzählung muss man können. Das kann die Serie überwiegend.

Sie ist soweit vergleichbar einem recht guten Fast-Food-Restaurant, das wiedererkennbare Reize abfeuert. Wir alle wissen, dass es das auch in schlecht gibt.

Drittens, gerade genug originelle Ideen und Bilder, um sich festzuhaken. Ein Van, der sich in der Luft überschlägt. Deprivationstanks. Monster. Eine russische Basis unter einem Einkaufszentrum. Überhaupt, der Russlandstrang. Da traut man sich mal Irrsinn.

Dreieinhalbtens: Die Zeit, die Umstände. Corona, Zuhausesein, die Unmenschlichkeit der Politik, die deutlicher als je sagt, es muss alles weitergehen, um jeden Preis, auch um den Preis eures Lebens. Die Serie war lange ein Lagerfeuer.

Am Ende soll alles wieder so werden wie früher. Eine zutiefst reaktionäre Fantasie. Small town America, das vor 1989 (wo die Serie nicht umsonst endet) angeblich gut war. Von den politischen Schweinereien er Reagan-Jahre kein Ton, nicht mal in lustig.

Am traurigsten: Ich wünsche mir, dass wenigstens die Protestgesten der lauten Musik und des Mittelfingers an den Rektor wieder da wären. Wenigstens diese hohlen Gesten wäre heute wieder Frischluft im Nazigefängnis. Das ist die Utopie, die uns geblieben ist, die frechen Jugendlichen von Vorgestern. Noch mal neu anfangen in den Teeniezeit der Welt.

Und wir müssen froh sein, dass wir wenigstens diesen Vergangenheits-Setzkasten noch im Kabelfernsehen haben, damit die Kinder von heute, die es angeht, sich da was rauspicken.

Es ist nicht viel, aber immerhin ein schwacher Abglanz einer widerständigen Märchenerzählung aus einer vergangenen Zeit. Wer sich auf die Suche machen will, findet den Beginn eines Fadens durch das Labyrinth.

Wir leben schon in schrecklichen Zeiten. Nirgendwo schmerzlicher zu betrachten als im Finale kurz vor dem US-Überfall auf Venezuela und einem dummen Anschlag in Berlin, der die Orientierungslosigkeit der Gegenkräfte fast so traurig auf den Punkt bringt wie ein Netflix-Spektakel.

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