Das Planetenschloss 16
Aus Seondeoks Innerem drang ein Stöhnen, als müsste sie die gesuchten Informationen der Pyramide mit körperlicher Kraft abringen.
„Meine Scans sind unvollständig“, meldete sie schließlich. „Die Sicherheitsmaßnahmen bedienen sich alter Magie, die ich nicht durchdringen kann. Schon gar nicht so schnell. Aber das ist eine Karte der Umgebung auf Basis aller Daten, die ich zusammenstellen konnte.“
Rote Strahlen aus den Augen der Mecha malten ein Gitternetzwerk in die Luft. „Hinter der nördlichen Biegung befindet sich eine Tür. Sie ist mit einer biomechanischen Selbstschussanlage gesichert. Ich hoffe, dass ich sie überwinden kann. Dahinter liegt ein ungewöhnlich großer Raum, aus dem eine Strukturdisruption 24,39 Meter in die Tiefe führt. Der tiefste Punkt der Disruption befindet sich zwischen dieser Ebene und der darunterliegenden, vermutlich in einer Versorgungsröhre. Wenn wir der folgen, erreichen wir einen Fahrstuhlschacht, der uns direkt zum Zentrum der Pyramide führen sollte. Ob der Fahrstuhl funktionstüchtig ist, kann ich nicht sagen.“
Herr Terramar runzelte die Stirn. „Klingt fast zu einfach. Irgendwelche Hindernisse außer dieser Selbstschussanlage?“
Seondeok schnarrte. „In der Disruption hat sich etwas eingenistet.“
„Eingenistet?“ Der alte Ritter stand auf und strich sich über die Seiten seines Gewandes, als wolle er die Energie loswerden, die er bei Loris Untersuchung aufgenommen hatte. „Du meinst, da ist etwas, das nicht hierhergehört?“
Die Mecha machte eine Bewegung mit dem Oberkörper, die bei einem Menschen als Achselzucken zu deuten gewesen wäre. „Die Disruption gehört eindeutig nicht zum ursprünglichen Bauplan. Im Lauf der Jahrtausende ist sicherlich alles Mögliche hier eingedrungen. Falls die Präsenz dort sich schon zu Zeiten der Alten in das Bauwerk gestohlen hat, hat man sie möglicherweise als Wächterin dort belassen. Um was es sich genau handelt, kann ich nicht sagen. Es gleicht aber keiner Biosignatur, die auf diesem Planeten vorkommt. Es könnte durch eine Raumzeitruptur oder ein magisches Ritual den Weg hierher gefunden haben.“
„Uns bleibt nichts anders übrig, als es mit dem Ding aufzunehmen. Oben lauert ein rasender Engel, und uns läuft die Zeit davon. Wenn wir Lori retten wollen, müssen wir es wagen.“
Ohne ein weiteres Wort lief er geduckt an der Wand entlang, in die Richtung, in der Seondeok die Tür ausgemacht hatte. Die Mecha las das Kind auf und folgte ihm. Sie hob einige Zentimeter vom Boden ab und schwebte mit reduzierten Betriebsgeräuschen dahin. Die Arbeitstöne aus ihrem Inneren verstummten, ähnlich wie bei einem Menschen, der beim Anschleichen die Luft anhält.
Die Tür war eine rechteckige Platte ohne sichtbare Funktionselemente, Ton in Ton mit der beigefarbenen Wand, und beinahe fugenlos darin eingelassen. Herr Terramar bedeutete Seondeok mit einer Handbewegung stehen zu bleiben. Er schloss die Augen und hob die Hand. Ein kaum wahrnehmbares Summen erfüllte die Luft. Der Ritter öffnete die Augen wieder. „Da ist irgendwas. Irgendwas Lebendiges“, flüsterte er.
„Die Präsenz in der Disruption?“ Seondeok hatte ihre mechanische Stimme ebenfalls so weit gesenkt, dass sie kaum zu hören war.
„Nein. Die spüre ich auch. Und sie macht mir Angst.“
Falls die Mecha die offen eingestandene Angst eines Kwan-Ritters für etwas Außergewöhnliches hielt, ließ sie es sich nicht anmerken. „Und die Tür? Was beschützt sie?“
„Selbstschussanlage, das trifft es beinahe. Aber es ist …“
Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Die Umrisse der Tür leuchteten tieforange. Aus dem Glosen schossen Strahlen, die auf Ritter und Mecha zurasten. „Vorsicht!“ Herr Terramar hechtete beiseite, rollte ab und sprang in die Hocke, die Handflächen gegen die Tür ausgestreckt. Die Mecha wälzte sich mit einem Aufheulen herum, sodass sie den heranschießenden Strahlen den Rücken zukehrte, und zugleich die in ihren Pranken hängende Lori abschirmte. Die gleißenden Strahlenschlangen prallten auf den Rückenpanzer und umflossen die Maschinenriesin wie flüssiges Glas. Die Mecha krümmte sich über Loris Gestalt zusammen. Öliger Rauch quoll aus ihren Gelenken und vernebelte in Sekundenschnelle den Gang. Laserstrahlen aus ihren Augen und weitere Blitze aus der Tür zuckten durch das Wabern.
„Seondeok!“ Herr Terramar verbarg Mund und Nase im Kragen seines Gewandes und formte mit den Händen einen Luftwirbel. „Halt aus!“
Ein Lichttentakel peitschte durch den beißenden Qualm, schlug dem Ritter den Luftwirbel aus den Händen und schleuderte ihn zu Boden.